Dr. Regina Hiller

Dr. Regina Hiller, Essen

Arbeit mit Narrativen bei Kindern mit komplexen Traumafolgestörungen

Freitag, 8. Dezember 2017, 19.30 Uhr
Samstag, 9. Dezember 2017, 9.30 - 17.00 Uhr
Seminar zu o.g. Thema


Zielgruppe
Das Seminar richtet sich an Kinder- und JugendpsychotherapeutInnen und Kinder- und JugendpsychiaterInnen, die sich für die Behandlung von traumatisierten Kindern interessieren und einen neuen psychotherapeutischen Ansatz in ihre Arbeit integrieren möchten.

Inhalte der Veranstaltung:
In dem Workshop soll es darum gehen, die Wirkungsweise von Narrativen in der Behandlung von Kindern im stationären und ambulanten Setting kennen zu lernen und für die eigene Praxis nutzbar zu machen. Die Arbeit mit Narrativen (Geschichten) ist eine kreative Variante des EMDR-Verfahrens. Die Arbeit mit Narrativen hat zum Ziel, die Einzelreize, die durch das Trauma ohne Verbindung zueinander gespeichert sind und als beziehungslose Fragmente vorliegen zu einer Erinnerungsgeschichte mit einem Anfang und einem Ende zusammenzufügen. In diesem Sinne werden die ím impliziten sogenannten „Traumagedächtnis" gespeicherten Erinnerungen in das explizite Gedächtnis überführt und so der Verarbeitung zugänglich gemacht. Mit Hilfe von Videoaufnahmen soll ein vertiefter Einblick in die praktische Arbeit gegeben werden und Interessierte ermutigen, den Ansatz auch bei schweren Krankheitsverläufen anzuwenden.

Der/die TherapeutIn sieht sich in der Behandlung von Traumata bei Kindern vor besondere fachliche Herausforderungen gestellt, wenn einerseits traumabedingte Stresssymptome vorliegen, jedoch andererseits aufgrund des praeverbalen Alters keine expliziten Erinnerungen mehr vorhanden sind und langandauernde sequentielle Traumatisierungen die Bewältigung und Verarbeitung der Traumata erschweren. Posttraumatische Symptome drohen zu persistieren, wenn die Betroffenen nicht traumafokussiert psychotherapeutisch behandelt werden. Nicht wenige Therapeut/inn/en schrecken daher davor zurück, schwer traumatisierte Kinder und Jugendliche traumazentriert zu behandeln und beschränken sich auf stabilisierende und beratende therapeutische Ansätze. Effektive traumaspezifische Behandlung erfordert eine gut verträgliche Traumaexposition durch gleichzeitiges Einweben positiver innerer ressourcenorientierter Bilder sowie die Stimulierung der Selbstheilungskräfte des Kindes, so dass eine emotionale Stabilisierung und Ich-Stärkung erreicht wird. Die Traumakonfrontation mit Hilfe von Narrativen und die prozessorientierte Stimulierung individueller Ressourcen wirken sich daher förderlich auf die Auseinandersetzung mit den traumatischen Inhalten aus und führen zu einer allmählichen Korrektur maladaptiver kognitiver Überzeugungen (z.B. Schuldgefühlen). Um die psychische Belastung während der Traumabehandlung zu reduzieren, werden Dissoziationen durch Distanzierungselemente verhindert und Selbstheilungsprozesse durch ressourcenaktivierende Stimulationen angeregt, was sich in einer signifikanten Reduktion der Symptomatik niederschlägt.

Methode:
Die Wirksamkeit von Narrativen wurde im Rahmen einer Interventionsstudie in Zusammenarbeit mit PD Dr. Psych. S. Tagay der Universität Duisburg- Essen, Klinik für psychosomatische Medizin und Psychotherapie überprüft. Die empirischen Ergebnisse belegen eine signifikante Reduktion nicht nur der posttraumatischen Symptomatik, sondern auch ein Rückgang depressiver und ängstlicher Symptome, die als komorbide Störungsbilder aufzufassen sind.

Literatur:
EMDRIA: EMDR mit Kindern und Jugendlichen nach einem einmaligen (singulären) belastenden Ereignis – Eine Interventionsstudie. Rundbrief 17, 31-43.
Grawe, K.: & Grawe-Gerber, M. (1999): Ressourcenaktivierung. Ein primäres Wirkprinzip der Psychotherapie. Psychotherapeut. 44, 63-73.
Greenwald, R. (2001): EMDR in der Psychotherapie mit Kindern und Jugendlichen. Paderborn: Junfermann.
Hensel, T. (2007): EMDR mit Kindern und Jugendlichen. Göttingen: Hogrefe.
Heigl-Evers, A. & Kruse, J. (1991): Frühkindliche gewalttätige und sexuelle Traumatisierung.
Prax Kinderpsychol Kinderpsychiatr. 40, 122-128.
Lamprecht, F. (2000): Praxis der Traumatherapie. Was kann EMDR leisten? Stuttgart: Klett-Cotta.
Landolt, M. & Hensel, T. (2006): Traumatherapie bei Kindern und Jugendlichen. Göttingen: Hogrefe.
Rost, C. (2008): Ressourcenarbeit mit EMDR. Paderborn: Jungermann Verlag.
Schubbe; O. (2006) : Traumatherapie mit EMDR: Göttingen. Vandhoeck & Ruprecht.
Tagay, S., Erim, Y., Stoelk, B., Möllering, A., Mewes, R. & Senf, W. (2007): Das Essener Trauma-Inventar (ETI) - Ein Screeninginstrument zur Identifikation traumatischer Ereignisse und posttraumatischer Störungen. ZPPM. 1, 75-89.
Tagay, S., Düllmann, S., Hermann, E., Repic, N. Hiller, R. & Senf, W. (2011): Das Essener Trauma-Inventar für Kinder und Jugendliche (ETI-KJ). Z Kinder-Jugendpsychiatr Psychother. 39, (5), 1-9.
Tinker, R. H. & Wilson, S. A. (2000): EMDR mit Kindern. Paderborn: Junfermann.